Geschichte Angreifen

From February to March 2018, Xenia Kopf has been a guest of the Gängeviertel residency to pursue her research on cultural practices in urban transformatory spaces. Xenia is a member of the doctoral program „The Arts and their Public Impact: Concepts – Transfer – Resonance“ at the University of Salzburg. To conclude her residency, she has produced a zine about the Gängeviertel containing an article on the Vor-Gänge, which we document here in the original German. We thank Xenia for her interest and are thrilled that we’ve already become a research subject!

Web-Header_Doktoratskolleg_v004

Vor-Gänge: Museum & Forschungszentrum

GESCHICHTE ANGREIFEN

Geschichte ist im Gängeviertel nicht nur metaphorisch allgegenwärtig, sondern sie quillt förmlich aus allen Fugen. Schon in den Anfängen der Initiative widmete sich eine historische Ausstellung der Geschichte des Viertels. Seit 2016 hat das Gängeviertel nun auch ein eigenes Museum: Das Vor-Gänge in der Schiers Passage.

Ausgestellt sind historische Stadtpläne, Fotos, Dokumente, Objekte und Texte zur Geschichte des Viertels vom 17./18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Der Ausstellungsraum (Butze rechts, EG) ist selbst eine Art begehbares Ausstellungsstück: Grundriss, Raumhöhe und Oberflächen lassen Details aus Wohnsituation und Architektur der ehemaligen Arbeiter_innenquartiere erahnen.

Das Vor-Gänge ist aber nicht nur Museum, sondern wird schrittweise zu einem Forschungszentrum ausgebaut. In einem ersten Projektseminar (Wintersemester 2017) forschten Studierende der Universität Hamburg u.a. vor Ort im Viertel zur ›Kultur- und sozialgeschichtlichen Bedeutung von Musik im Hamburger Gängeviertel›. Endergebnis sind nicht schlichte Seminararbeiten, sondern verschiedene öffentliche Präsentationsformate: eine rekonstruierte Arbeiterkneipe mit Tresen-Dialog und Arbeiter_innen-Liedern, eine Ausstellung über zwei eheamlige Neustädter Clubs (Palette und Mad House) sowie eine Radiosendung, basierend auf dem Swing- und Jazz-Programm des seinerseits einflussreichen britischen Besatzer-Senders BFN (British Forces Network).

Kollektives Erlebnis

Diese bemerkenswerten Präsentationsformate holen studentische Forschungsarbeit aus den Uni-Archiven, ermöglichen niederschwellige Zugänglichkeit und öffentliche Teilhabe. Das Publikum kann auf lustvolle Art und Weise Geschichte erfahren und sich aktiv aneignen – so gibt es nun etwa Bestrebungen zur Gründung eines Hamburger Chores für Arbeiter_innenliedgut. Lokalgeschichte wird dadurch ›greifbar‹, gesamtsinnlich erfahrbar und (wieder) verstärkt in das Alltagsleben eingebunden. Gerade für den universitären Bereich, der den vielzitierten ›Elfenbeinturm‹ verlassen und sich öffentlich engagieren will, birgt dieser Zugang enorme Möglichkeiten.

Sie zeigen auch, wo die Herausforderungen liegen, denn immersives Erleben kann auf Kosten der forschend-analytischen Distanz gehen. So wurden etwa in den von den Studierenden rekonstruierten Tresen-Dialog sexistische, einwandererfeindliche und antisemitische Äußerungen eingebunden. Das ist einerseits lobenswert, weil eine differenzierte Darstellung, die Ausgrenzungen innerhalb der Arbeiter_innenschaft nicht verschweigt – wie die Tatsache, dass Frauen von den Kneipen ausgeschlossen waren. Diese Darstellung braucht aber auch eine rahmende, kritische Kommentierung. Die Rolle des Vor-Gänge als im Aufbau befindliches Forschungszentrum könnte in Zukunft in den öffentlichen Formaten diese übergreifende, reflexive Klammer sein.

Kritische Potenziale

Denn der Forschungsansatz des Vor-Gänge hat das Potenzial, Geschichte auf eine zweite Art und Weise ›anzugreifen‹: nämlich im Sinne einer Geschichtsschreibung von unten, quer zu einer fortschrittsgläubigen und ungleichheitsblinden Logik. Ein Beispiel aus der Nachbarschaft: Eine der blau-weißen Infotafeln Ecke Brüder- und Wexstraße lobt das »gründerzeitliche Unternehmertum« der Gebrüder Wex, die im 19. Jahrhundert diese beiden Straßenzüge durch die Gängeviertel der Neustadt »brachen« und schwärmt von der »ersten modernen Sanierung in der Hamburger Innenstadt,« verschweigt aber, dass die zuvor hier ansässigen »städtischen Unterschichten« hinter den klassizistischen Gründerzeit-Fassaden keinen Platz mehr gefunden haben.

Das Vor-Gänge und das Gängeviertel insgesamt versuchen, solche rhetorisch verschleierten Verdrängungsprozesse und andere unter- oder nicht-repräsentierte historische Schichten zu dokumentieren und zu vermitteln. Sie zeigen die auffälligen Parallelen zu gegenwärtigen Stadtentwicklungstendenzen und -rhetoriken auf. Weitere Projekte, etwa zu Gentrifizierung in Eimsbüttel oder zum Gedenkprojekt Stolpersteine, sind bereits in Vorbereitung.

Diese Form widerständiger Geschichtsschreibung bleibt nicht beim Archivieren, sondern zeigt tiefgreifende Machtstrukturen auf, die immer wieder neu hinterfragt werden müssen.

Das ganze Zine findet ihr hier:

und weitere Infos zum Doktoratskolleg in Salzburg hier

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s